Ein neuer Chef am Sudkessel

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Ein neues Gesicht im Seßlacher Kommunbrauhaus: Michael Lengenfelder ist seit 1. April allein für das Hausbrauerbier aus dem einzig verbliebenen städtischen Brauhaus in Oberfranken verantwortlich. Der 29-jährige Braumeister stammt aus dem Raum Bamberg. Foto: Bettina Knauth

Ein neues Gesicht im Seßlacher Kommunbrauhaus: Michael Lengenfelder ist seit 1. April allein für das Hausbrauerbier aus dem einzig verbliebenen städtischen Brauhaus in Oberfranken verantwortlich. Der 29-jährige Braumeister stammt aus dem Raum Bamberg. Foto: Bettina Knauth

Im Kommunbrauhaus Seßlach hat jetzt Michael Lengenfelder das Sagen. Er löst Reiner Krippner ab, der nach 17 Jahren in den Ruhestand getreten ist.

Seßlach – Wenn ein dezenter Malzgeruch die pittoreske Altstadt von Seßlach durchzieht, dann wissen nicht nur die Einheimischen: Im Kommunbrauhaus wird wieder frischer Gerstensaft zubereitet. Bereits seit 1335 wird auf Geheiß der Stadt Bier gebraut. Hinter der Fassade des aus dem Jahr 1892 stammenden Brauhauses in der Pfarrgasse 116 hat sich vor Kurzem ein Generationswechsel vollzogen: Michael Lengenfelder heißt der neue Chef am Sudkessel. Der 29-jährige Braumeister löst Reiner Krippner ab, der seit 2004 für die Seßlacher Kommunbräu verantwortlich zeichnete. Zum 1. April wechselte der 64-Jährige in den wohlverdienten Ruhestand.

Müssen sich die Seßlacher nun an einen anderen Biergeschmack gewöhnen? „Nein“, lacht Lengenfelder. Bereitwillig habe ihm Reiner Krippner die von ihm ausgetüftelte Rezeptur überlassen. Außerdem lasse ihm die Stadt weitgehend freie Hand. „Aber ich muss natürlich schauen, dass meine Kundschaft auch meine Kundschaft bleibt“, fährt der 29-Jährige fort. Am Hausbrauerbier, so sein Versprechen, werde sich nichts ändern.

Auf den Tipp eines Berufskollegen hin bewarb sich Lengenfelder um die Nachfolge Krippners, bevor die Position offiziell ausgeschrieben war. Dabei kam der gebürtige Stegauracher, der am Kaiser-Heinrich-Gymnasium in Bamberg sein Abitur abgelegt hatte, durch Zufall zum Handwerk: Bei einem Praktikum vor seinem geplanten Studium der Brauwesen- und Getränketechnologie fand er in einer Brauerei in Mönchsambach im Steigerwald Geschmack daran, als Brauer praktisch zu arbeiten statt in der Uni der Theorie zu frönen. An gleicher Stelle begann er seine zweijährige Ausbildung, nach der er als Meisterschüler nach Gräfelfing bei München wechselte. Dort legte er 2015 die Prüfung zum Braumeister ab. Bevor er sich an seiner neuen Wirkungsstätte vorstellte, war Lengenfelder unter anderem in Freudeneck (Gemeinde Rattelsdorf) tätig.

Sein Vorgänger hatte es 2004 deutlich schwerer: Der Bierbrauer und Mälzer aus Neustadt bei Coburg musste sich gegen fast 40 Mitbewerber durchsetzen. Sein Handwerk hatte der heute 64-Jährige beim „Wichert“ in Oberwallenstadt gelernt; anschließend war er bei der früheren „Geussen-Bräu“ in Neustadt beschäftigt. Nach 50 Jahren in seinem Beruf geht Krippner mit Wehmut, aber voller guter Erinnerungen in Rente. Was ist ihm aus seiner Seßlacher Zeit besonders in Erinnerung geblieben? „Das waren sicherlich die Dreharbeiten zum Räuber Hotzenplotz 2005“, berichtet Krippner. Häufig gefragt war der Beitrag des Brauers von Fernseh- wie Radioteams: „Da war ich immer vorn mit dabei.“ Auch bei der „Hörpfade“-Station Brauhaus ist er zu hören. Besonders freute er sich über Neuanschaffungen, wie über den Einbau der Sudpfanne im Jahr 2007. „Es wurde höchste Zeit, das Wasser lief bereits zur Wand raus“, erinnert er sich. Vor einem halben Jahr kam ein neuer Maischbottich hinzu. „Jetzt ist alles neu – und ich bin fort“, sagt Krippner mit leichtem Bedauern.

Die Seßlacher Brautradition reicht zurück ins Jahr 1335, als Kaiser Ludwig der Bayer dem kleinen Örtchen mit dem Stadtrecht auch die Lizenz zum Bierbrauen verlieh. Ein für die Stadt ertragsträchtiges Handwerk: Aus dem Verkaufserlös finanzierte die Kommune Bau und Unterhalt von Gebäuden und Stadtmauer. Heute deckt der Absatz der rund 1400 Hektoliter, die jährlich in Handarbeit entstehen, laut Krippner „gerade so die Kosten“. Zumindest vor dem durch die Corona-Pandemie bedingten deutlichen Umsatzrückgang. „Der Wegfall des Ausschanks in den Wirtschaften bescherte uns einen schweren Einbruch“, schildert der bisherige Verantwortliche.

Neben der intakten Stadtmauer zählt das letzte städtische Kommunbrauhaus in Oberfranken zu den touristischen Alleinstellungsmerkmalen Seßlachs. Dem Erhalt der Tradition widmen sich die „Brauhausfreunde“: Sie kümmern sich um den Absatz, die technischen Anlagen und das Gebäude. Das Geld für den Unterhalt kommt aus Veranstaltungen und Aktionen der häufig als „Mönche“ auftretenden Bierfreunde, wie zum Beispiel dem Stärkeantrinken. In einem Kraftakt hat die Initiative zuletzt die neben dem Brauhaus liegende „Alte Schmiede“ hergerichtet. Hier sollen künftig Bierverkostungen oder Braukurse stattfinden.

Wasser und Hefe, Hopfen und Malz: Auch das Kommunbräu besteht – streng nach Reinheitsgebot – allein aus diesen Zutaten. „Das Geheimnis besteht darin, Geschmack, Farbe und Geruch richtig in Einklang zu bringen“, umreißt Krippner die Kunst des Brauens. Seinen Nachfolger reizt es vor allem, aus den wenigen Zutaten so viel zu machen. Lengenfelder: „Es sind nicht nur die vielen Biersorten. Auch innerhalb einer Sorte sind so viele Aromen möglich.“

Alle 14 Tage entsteht im Seßlacher Sudkessel mittels Hopfenpellets aus der Hallertau und Malz aus Mellrichstadt ein Bier nach Pilsner Art. An den Brau-Tagen geht es für den Braumeister bereits frühmorgens los, liegen doch rund zwölf Arbeit vor ihm. So lange braucht der Wechsel aus Koch- und Abkühlphasen des Gebräus, bevor es zum Reifen in den Gärkeller weitergeleitet wird. Dort wird dann die Hefe zugesetzt, die den Zucker in Alkohol und Kohlensäure umwandelt. Am Ende wird der Gerstensaft einen Alkoholgehalt von 5,5 Prozent und eine Stammwürze um 12 Grad Plato aufweisen. Für Feste wird dazu ein etwas stärkeres und dunkleres Bier gebraut, der Johannitrunk. Sechs Wochen vor dem Adventsmarkt kommt, wie auch im März, das noch kräftigere Bockbier hinzu.

Mit Anschaffung eines zweiten Tanks konnte zuletzt die Kapazität erhöht werden. Gern würde der Neue mal einen anderen Sud ausprobieren, doch „momentan fehlt es dafür am Umsatz“. Privat schwankt sein Biergeschmack je nach Saison. Zurzeit bevorzugt er Helles, „das Trendbier“, oder ein dunkles Weizen. Und eines geht immer: „Rauchbier! Schließlich stamme ich aus der Bamberger Gegend.“

Elf Tage später kommen die Gerstensaftfreunde zur Ausgabe des „flüssigen Brots“ zum Brauhaus. Nur ihnen ist den aufgeklappten „Frei nur für Bierabholer“-Schildern zufolge an diesen Samstagen die Zufahrt gestattet. Selbst aus Fulda, dem Nürnberger Land oder aus Hildburghausen reisen Bierkunden an. Traditionell wird das Bier „lose“ ausgegeben oder einzig in Fässer und Dosen abgefüllt. Wie der schmucken Fünf-Liter-Dose mit dem roten fränkischen Rechen und dem Seßlacher Stadtwappen, die sich bei Besuchern wie Einheimischen wachsender Beliebtheit erfreut. Es auch in Flaschen anzubieten, sei angesichts der geringen Mengen zu schwierig und kostenintensiv umzusetzen, so Lengenfelder.

In seiner Sitzung am kommenden Dienstag wird der Seßlacher Stadtrat Reiner Krippner offiziell in den Ruhestand verabschieden. Drei Tage später feiert der frischgebackene Rentner seinen 65. Geburtstag. Gleich am Folgetag wird es ihn erneut an seine alte Wirkungsstätte ziehen – zur Ausgabe des kürzlich angesetzten Suds. Er betont: „Mein Bier werde ich mir auch weiterhin am Brauhaus holen.“ Bedenken, der Gerstensaft könnte ihm zukünftig nicht mehr munden, hegt der langjährige Brauer nach einem halben Jahr Zusammenarbeit mit seinem Nachfolger keine: „Ich gehe guten Gewissens, denn der Michael macht seine Sache sehr gut!“