Wohnraum für schnelle Jäger

Der Wanderfalke galt in Deutschland als nahezu ausgerottet. Jetzt steigt die Zahl der Brutpaare wieder. Dass es in Coburg ein brütendes Paar gibt, ermutigte LBV-Mitglieder, dem Nachwuchs in Seßlach eine Wohnung anzubieten

Den Wanderfalken wieder irgendwo anzusiedeln, ist ein schwieriges Unterfangen. In Deutschland gab es im vergangenen Jahrhundert nur noch zirka 50 Brutpaare der stolzen Greifvögel: Sie waren kurz davor, auszusterben. In Seßlach wird derzeit trotzdem der Versuch unternommen, genau das zu tun.

Viele vom Menschen verursachte Faktoren wirkten sich dramatisch auf die Population aus, unter anderem die verheerende Wirkung des Insektenvertilgungsmittels DDT auf die Brut. Das völlige Verschwinden der Art wurde durch das Verbot des Umweltgifts und dank der jahrzehntelangen Arbeit von Greifvogelschützern gerade noch verhindert. Streng geschützt durch Gesetze gibt es derzeit wieder über 1000 Wanderfalken-Brutpaare in Deutschland.

Immer öfter in Städten

Zunehmend entdecken die Vögel, häufig erst durch menschliche Hilfe, Städte als neuen Lebensraum und kompensieren dadurch verlorene Nistmöglichkeiten in der Natur. Im Müllheizkraftwerk Coburg hoffte man zum Beispiel lange auf den Einzug des den schnellsten Vogels der Welt. Jedoch empfand er das Bauwerk wohl nicht als angemessenen Ersatz für eine Felswand, wo er sonst gerne brütet. Er kam also nicht.

Was war das für eine Freude für die Mitglieder des Landesbundes für Vogelschutz in Coburg, als vor vier Jahren ein Wanderfalkenpaar in den Kirchturm der Morizkirche in Coburg eingezogen ist und sich dort seitdem erfolgreich vermehrt. Es war das erste Brutpaar seit 132 Jahren, das im Coburger Land nachgewiesen wurde Coburger Land, und nach einhelliger Meinung der Ornithologen eine avifaunistische Sensation für unsere Region!

Auf eine weitere Sensation dieser Art hofft man jetzt in Seßlach. Dort haben im Februar sechs ehrenamtliche LBV-Mitglieder im Kirchturm von Sankt Johannes einen Wanderfalken-Kasten installiert. Vor dem Einbau haben sich die engagierten Naturfreunde das Umfeld genau angeschaut. „Wir haben überprüft, ob es genug Nahrung im Umfeld gibt, wie weit das nächste Wanderfalkenpaar in Coburg weg ist und ob der Einbau technisch überhaupt möglich ist“, erzählt Reiner Hermes vom LBV Coburg. Die Naturschützer kamen zum Ergebnis, dass alles optimal ist: Der Wanderfalke findet in Seßlach ein breites Beutespektrum und ausreichend Jagdmöglichkeiten. Das nächste Wanderfalkenpaar in der Coburger Moritzkirche ist zwölf Kilometer weit weg und der hohe Kirchturm erfüllt alle „Wohn“-Ansprüche als Ersatz für eine Felswand frei von Störungen.

Die engagierten Naturschützer machten sich also an die Arbeit im hohen Turm des Gotteshauses: Eine marode Leiter versperrte zunächst den sicheren Weg in den Kirchturm, aber schnell kam der Bauhof Seßlach mit modernem Ersatz. Vereinskollege Werner Hellwig besorgte einen Schleiereulenkasten, den Reiner Hermes umbaute und ihn zerlegbar machte, denn für den Transport in die Turmspitze über die engen Treppen musste der Kasten in kleine Module zerlegt und oben wieder zusammengebaut werden.

Teilweise mussten die LBV-Leute klettern. Um das gewohnte Bild des Turms von außen möglichst nicht zu verändern, wurde der Nistkasten innen angebracht und das Anflugbrett so angefertigt und lackiert, dass es sich harmonisch ins Bauwerk einfügt.

Viel Unterstützung

„Wir bedanken uns ganz herzlich bei Pfarrer Norbert Lang, dass wir den Kirchturm als neues Zuhause für den Wanderfalken herrichten durften. Besonderer Dank auch an Bürgermeister Maximilian Neeb, der für diese Aktion sofort die Unterstützung der Stadt und die Mithilfe des Bauhofs zusicherte“, sagt Alexander Stich, Eulenspezialist des LBV aus Bischwind, der mit Peter Ludwig von der Seßlacher Jägerschaft die lokalen Kontakte herstellte und die Koordination übernahm.

„Nun bleibt zu hoffen, dass in den nächsten Jahren ein Wanderfalkenpaar in den neuen Kasten einzieht“, sagt LBVler Bernd Leuthäusser, der mit seinem Sohn Urs tatkräftig mitgeholfen hat.

  • Veröffentlicht von Coburger Tageblatt

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