Ende Oktober ist Schluss mit dem Heilgersdorfer Dorfladen

Fehlende Einkaufsmöglichkeiten gelten als einer der größten Nachteile des Lebens auf dem Dorf. Das zumindest für ihren Heimatort zu ändern, setzte sich eine Projektgruppe zum Ziel und gründete 2008 einen Dorfladen. Die Idee begeisterte. Bürger beteiligten sich mit Einlagen in Höhe von 40 000 Euro, die Stadt schoss 25 000 Euro zu. Der Start in die ersten Jahre verlief vielversprechend. Jetzt macht der Dorfladen dicht.

Noch vor wenigen Monaten wurde renoviert, umgestaltet, der Zulieferer gewechselt. Der Laden sollte attraktiver werden. Eine von mehreren Aktionen, die dem Projekt wieder Leben einhauchen sollten. Offenbar vergebens. Noch hat der Laden geöffnet. Doch ein Infoblatt, das auf der Theke ausliegt, informiert die Kunden, dass zum 31. Oktober die Schließung vorbereitet wird.

Viele Gespräche

„In den letzten Wochen und Monaten hat sich die wirtschaftliche Situation noch einmal weiter verschlechtert“, nennen Volker Hahn und Bertram Rippl in dem Infoschreiben als Grund für die jetzt getroffene Entscheidung. In Gesprächen mit der Steuerberaterin, der IHK, einem Anwalt für Insolvenzrecht und nicht zuletzt mit dem Stadtrat von Seßlach als Komplementär des Ladens seien alle einmütig zu der Einsicht gekommen, dass eine Schließung unvermeidlich ist. Nur so sei eine drohende Insolvenz des Heilgersdorfer Projektes noch abzuwenden.

Dabei waren die Ladengründer richtungsweisend. Als sie im Februar 2008 ihr Projekt in dem Seßlacher Stadtteil realisierten, gab es in ganz Nordbayern kaum Vergleichbares. Große Gewinne wurden auch in den ersten Jahren nicht erzielt. Doch der Laden kam über die Runden.

Auf Einladung des „Netzwerks Ländliche Räume“ präsentierte sich 2012 der Dorfladen Heilgersdorf auf der Grünen Woche in Berlin als ein gelungenes Beispiel ländlicher Entwicklung. Ein Beispiel, dem immer mehr Orte in ganz Franken folgten.

Rückläufige Kundenzahlen

Doch mit der Zeit verflog die Euphorie der Kunden offenbar. Sie kamen immer seltener, kauften immer weniger. Die Einnahmen reichten nicht mehr aus. 2017 machte die Geschäftsführung öffentlich auf die Probleme aufmerksam. Mit Erfolg. Es wurden neue Anteile gezeichnet und die Kunden signalisierten ihre Solidarität zu ihrem Dorfladen durch mehr Einkäufe. Zahlreiche Ehrenamtliche packten mit an, um den Laden zu renovieren, ihn auch außen ansprechender zu gestalten. Was sie geschafft hatten, präsentierten sie Anfang 2019. Es konnte sich sehen lassen.

Service-Angebote

Post, Paketdienst, Bargeld an der Kasse, Aufladen von Bank und Telefonkarten wurden als zusätzlicher Service zum Warenangebot eingeführt. „Jetzt muss ein Ruck durch Heilgersdorf gehen“, sagte Jürgen Schramm, der die Entstehung des Ladens von Anfang an in der Projektgruppe begleitet hatte, als der neu gestaltete Laden im Mai dieses Jahres seine Türen wieder öffnete. Bertram Rippl von der Geschäftsführung machte sich schon damals keine Illusion, es war ihm klar, dass die Bürger auch weiterhin ihren Großeinkauf in den Supermärkten erledigen würden. Er behielt Recht. Der große Ruck blieb aus. In den nächsten Wochen werden die Heilgersdorfer noch durch Prospekte und Wurfsendungen auf die Abverkaufs-Aktivitäten des Dorfladens aufmerksam gemacht. So kündigt es das Infoschreiben an. Dann ist der Dorfladen nach fast zwölf Jahren Geschichte.

KOMMENTAR von Rainer Lutz

Verlorener Kampf

Es gab eine Zeit -C und sie ist so lange nicht her – da hatte jedes größere Dorf einen Laden, mindestens ein Wirtshaus, Metzgerei, Bäckerei, Bankfiliale und oft noch Handwerker und Anbieter ganz verschiedener Art. Selbst für einen neuen Radioapparat oder ein Fahrrad musste keiner in die Stadt fahren. In all diesen Geschäften arbeitete jemand, es gab Landwirte im Dorf, deren Produkte zum Teil gleich vor Ort verarbeitet wurden. Alle paar Orte gab es eine Schule – zumindest für die ersten Jahre. Es war nicht im Sinne der Planer für die Landesentwicklung, dass sich das änderte. Es war aber nicht aufzuhalten. Immer mehr Dorfbewohner suchten sich Arbeit in der Stadt. Einkäufe erledigten sie auf dem Weg zur oder von der Arbeit. Höfe wurden größer, aber immer weniger. Die Dörfer wurden zu Wohnorten. Selbst die Senioren verschwanden. Weil der Mehrgenerationenhaushalt seltener wurde, verbringen sie immer häufiger ihren Lebensabend im Heim. Läden wurden unrentabel. In Heilgersdorf lehnten sich die Bürger gegen diesen Trend auf – und ergaben sich ihm am Ende doch. Vielleicht waren sie zu früh dran. Wenn Mobilität immer teurer wird, könnte auch Nahversorgung wieder eine Chance haben. Wer weiß?

  • Veröffentlicht von Coburger Tageblatt

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