Drei Ärzte, ein Physiotherapeut und ein Apotheker finden im Erdgeschoss und 1. Obergeschoss des neuen Ärztehauses Platz, das am Stadtrand von Seßlach in Fertigbauweise errichtet wird. Im 2. OG des zweiteiligen Gebäudekomplexes entstehen sechs Wohnungen. Nachdem die Planung schon länger steht, freuen sich die Investoren Manfred Geiss und Klaus Geiss-Hammelmann (vorn, von links) gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Robert Müller nun auf den Baubeginn. Foto: Bettina Knauth

In Seßlach wird ein Ärztehaus gebaut

Ein großflächiges Plakat und der bereits verlegte Radweg weisen auf das Großprojekt neben dem Seßlacher Edeka-Markt hin: Nun beginnen die Bauarbeiten für ein Ärztehaus, dessen Praxen bereits am 1. Oktober ihre Türen öffnen sollen. Neben dem Regiomed MVZ Seßlach werden auch die St. Johannes Apotheke und die Physiotherapie Andy Beland aus der Altstadt in den Neubau umsiedeln. Für Bürgermeister Maximilian Neeb (FW) ist das Projekt ein „absoluter Gewinn“: „Wir sind sehr glücklich, dass dieses Ärztehaus in Seßlach entsteht, und sichern allen Beteiligten vonseiten der Stadt jegliche Unterstützung zu“, sagt Neeb.

Eine deutliche Attraktivitätssteigerung Seßlachs sehen auch Manfred Geiss und Klaus Geiss-Hammelmann in der Maßnahme. Die Partner investieren mit ihrer Geissmann Immobilien GmbH & Co KG rund 3,5 Millionen Euro in den Bau des 42 Meter langen und 14 Meter breiten Gebäudekomplexes. Über den ebenerdigen Praxis- und Geschäftsräumen entstehen sechs Luxus-Wohnungen diverser Größen. Auch diese sind barrierefrei über den Aufzug im Treppenhaus erreichbar, das beide Gebäudeteile miteinander verbindet. „Nur ein Vier-Zimmer-Penthouse ist noch zu haben“, informiert Robert Müller, der sich um die Vermietungen kümmert.

Synergie-Effekte erhofft

Müller und Geiss-Hammelmann betreiben als Geschäftsführer der Fapio Food GmbH (Haßfurt) seit vier Jahren den angrenzenden Edeka-Markt mit 1600 Quadratmetern Verkaufsfläche und Café mit Snackbar. Auch zwei Ladengeschäfte und vier Wohnungen gehören zum Komplex. Branchenprofi Hammelmann und Müller, der Seiteneinsteiger mit einem Faible für Design, wagten damals das Investment in der Provinz, vor dem Edeka selbst zurückschreckte. Nun versprechen sich beide Synergie-Effekte: „Die Kombination von Einkaufszentrum und Ärztehaus wird ja deutschlandweit erfolgreich praktiziert“, sagt Müller. Zwischen 900 und 1400 Kunden zählt seinen Angaben zufolge der Markt schon jetzt jeden Tag. Ein Ladengeschäft beherbergt bereits eine Logopädie-Praxis. Die weiteren Ansiedlungen sollen auch für Zuwachs bei den Edeka-Kunden sorgen. Die zahlreichen Parkplätze dürften für alle Kunden und Patienten ausreichen.

„Ein Projekt mit Zukunft“, zeigt sich Andy Beland überzeugt. Der Physiotherapeut musste nicht lange überlegen, ob er seine jetzt in der Altstadt befindliche Praxis in den Neubau verlegen soll. „Gut doppelt so viel Platz, endlich Barrierefreiheit und ausreichend Parkplätze vor der Tür“, zählt Beland als Vorteile auf. Die mehr als 230 Quadratmeter ermöglichen es ihm zukünftig obendrein, Gerätetraining anzubieten.

Auch Godfried Bobale, Inhaber der St. Johannes-Apotheke in der Luitpoldstraße, zögerte nicht lang, als ihm der Umzug angeboten wurde. Zwar bieten ihm die neuen Räumlichkeiten nicht mehr Platz, dafür aber helle Räume auf einer Ebene. Die bessere Erreichbarkeit und ein Ende der Parkprobleme gaben den Ausschlag: „Es wird schön, wenn die Kunden nicht schon gestresst sind, wenn sie in die Apotheke kommen“, sagt Bobale.

220 Quadratmeter werden von Regiomed angemietet. Das bisher am Marktplatz in der ehemaligen Praxis von Dr. Peter Falkenberg betriebene Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) zieht komplett um, bestätigt Simone Müller, Bereichsleiterin für Ambulante Versorgung bei Regiomed. Die Allgemeinmediziner Reinhard Faßhauer und Dr. Ingrid Löffler-Soriano werden dann ihre Patienten nicht nur barrierefrei in einer hellen Praxis empfangen können. „Insgesamt wurde nach unseren Wünschen gebaut, um einen effektiven Praxisablauf zu ermöglichen“, freut sich Müller. Der großzügige Zuschnitt der Praxis ermöglicht es dem Klinikverbund zusätzlich, sich um den Nachwuchs in der Region zu kümmern: „Frau Dr. Löffler-Soriano wird dort Hausärzte ambulant weiterbilden“, informiert die MVZ-Verantwortliche.

Mieter aus der Region erwünscht

Die Investoren haben sich bewusst um Mieter aus der Region bemüht. „Wir haben alle Aspekte durchleuchtet und Vorteile für alle gesehen“, schildert Manfred Geiss. Anbieter wie Kunden profitierten von modernen, hellen und barrierefreien Räumlichkeiten, die Bekanntheit der Mieter sorge für ausreichenden Zulauf, der wiederum auch dem benachbarten Einkaufsmarkt samt Café zugute komme. Für den gebürtigen Seßlacher Geiss bietet das neue Ärztehaus zudem die Chance, in seine Heimatstadt zurückkehren. Der angehende Mediziner, der für nächstes Jahr seinen Abschluss anstrebt, möchte seine Facharztausbildung vor Ort absolvieren. Dazu laufen derzeit Gespräche mit mehreren Anwärtern für die eine noch verfügbare Praxis im neuen Ärztehaus. „Wir prüfen noch verschiedene Modelle und Schwerpunkte“, äußert sich Geiss noch vage. Mit seiner Freude über die Rückkehr in die ländliche Region („Es wird Zeit!“), bildet der 33-Jährige in seinem Semester an der JMU Würzburg die Ausnahme. Geiss bestätigt: „Es ist eher selten, dass jemand auf dem Land praktizieren möchte.“

Fertigbauteile werden angeliefert

Noch sieht es aus, als tue sich nichts. „Doch im Hintergrund passiert bereits ganz viel“, berichtet Müller. So werde das Haus bereits erstellt, beim Fertighaus-Hersteller Streif in Weinsheim. „89 Sattelschlepper werden die Fertigbauteile anliefern“, so Müller weiter, „das wird spannend!“ Der Geschäftsführer des Einkaufsmarktes sorgt sich vor allem, wie sich diese Logistik auf das Tagesgeschäft auswirken wird. „Zumal ja vorher auch noch 300 Lkw mit Füllmaterial hier gebraucht werden“, fügt Geiss-Hammelmann hinzu. Der Zeitplan ist ambitioniert: Rund vier Wochen nach Beginn der Erdarbeiten (Mitte bis Ende Mai) werden die Bauteile angeliefert. Der Innenausbau soll bis Anfang September abgeschlossen sein. Dann könnten die Praxen eingerichtet werden, die zum 1. Oktober eröffnen sollen. Laut Plan werden die Wohnungen einen Monat später bezugsfertig sein.

Altstadt als Museum?

Welche Folgen wird der Auszug von Arztpraxis, Apotheke und Physiotherapie für die Seßlacher Altstadt haben? Weil sie deren Verlust an Attraktivität und weniger Zulauf befürchtet, erkundigte sich Stadträtin Gudrun Jöchner (FW) bereits in der März-Sitzung des Gremiums, welche Maßnahmen die Stadt plane, um auch weiterhin für genügend Frequenz innerhalb des Mauerrings zu sorgen. Schon seit Eröffnung des modernen und großzügigen Einkaufsmarkts am Stadtrand Richtung Hattersdorf vor vier Jahren klagen in der Altstadt ansässige Fachgeschäfte über Umsatzeinbrüche. „Ich lebe halt von Zufallskunden“, sagt Petra Jahrsdörfer vom „Süß.Würzig.Duftig“ in der Flenderstraße. Wer vorbei laufe oder fahre, kaufe gern bei ihr einige Artikel. „Den Passanten fällt ein, das könnte ich noch brauchen“, bestätigt auch Christine Lauffs vom Weinhaus am Maximiliansplatz.

Beide machen sich keine Illusionen: Wer erst einmal draußen am Einkaufsmarkt parkt, werde dort auch gleich alles Notwendige einkaufen. „Die Leute haben halt keine Zeit“, äußert Jahrsdörfer durchaus Verständnis. Auch dass die Stadt dagegen nichts tun könne, leuchtet ihr ein. „Aber müssen denn gleich alle rausgehen?“ hadert sie dennoch mit der sich abzeichnenden Situation. Insbesondere die Wintermonate, in denen kaum Touristen durch Seßlach laufen, bereiten ihr Sorgen.

„Es ist ja gar nichts los in der Stadt!“ Diesen Kommentar hört Thorsten Gutgesell, Mieter des Marktcafés in der Flenderstraße, öfter, „und das jetzt schon!“ Zwar profitiere Seßlach von seiner florierenden Gastronomie, doch befürchtet Gutgesell, dass auch hier das Wirtshaussterben einsetzen könnte, „zumal die Auflagen immer heftiger werden“, wie er aus eigener Erfahrung weiß. Ebenso gestalte sich die Suche nach gutem Personal immer schwieriger. Sabine Salb („Mode am Tor“, Flenderstraße) sorgt sich ebenfalls um die Laufkundschaft und hört von Kunden oft, dass es ruhig geworden sei in Seßlach. Aktionen wie schön geschmückte Osterbrunnen könnten wieder mehr Urlauber in den Mauerring ziehen, meint Silvia Then (Blumen Then, Luitpoldstraße). Sie berichtet von der Angst aller Geschäftsleute, dass die Kunden „ganz nach draußen ziehen könnten“. Auch wenn die ansässigen Handwerksbetriebe, etwa die Metzgerei Franz und die Bäckerei Schoder, noch auf ihre Stammkundschaft zählen können. „Wir lassen das auf uns zukommen und halten durch“, meint Ursula Schoder. Allerdings müssten sich alle Gedanken machen und sich ein Stück weit bewegen, um zu verhindern, dass die Altstadt zum Museum werde. Zum Beispiel, indem sie mehr Service anbieten oder mehr für sich werben. Immerhin profitierten alle Geschäftsleute gemeinsam davon, wenn mehr Läden in der Innenstadt ansässig wären.

Neeb will Gegenmaßnahmen erarbeiten

Der Rathauschef versteht die Sorgen, das Ärztehaus könnte Leben aus der Altstadt nehmen. Um eine lebendige Innenstadt zu erhalten und die leer werdenden Gebäude weiterhin zu nutzen, möchte Neeb Gegenmaßnahmen gemeinsam mit den Betroffenen und interessierten Bürgern erarbeiten. Die Chance dazu sieht der Bürgermeister in dem anstehenden Integrierten Stadtentwicklungskonzept (Isek), das Bürgerbeteiligung vorsieht. Auch die immer wieder kritisierte Parksituation in der Altstadt stehe dann erneut auf dem Prüfstand, betont er. Die Suche nach einem Parkplatz dürfte für alle zukünftig einfacher werden, für Besucher der Altstadt ebenso wie für die Kunden der Praxen und der Apotheke.

Was wird aus dem „Alten Bahnhof“?

An Bewerbern als neue Pächter der zum Edeka-Komplex gehörenden Gaststätte „Alter Bahnhof“ mangelt es nicht, wie Robert Müller beim Pressegespräch verriet. Doch bisher habe es „noch nicht gepasst“. Dabei wolle er, dass sein „Baby“ zeitnah wieder mit Leben gefüllt werde, wie Müller versicherte. Angesichts der aktuell vorliegenden Bewerbungen zeigte sich der Geschäftsführer der Fapio Food GmbH zuversichtlich, auch die Gaststätte in Kürze wieder verpachten zu können. Falls gewünscht, könnten die neuen Betreiber kostengünstig auf Edeka-Produkte zurückgreifen, müssten dies aber nicht.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.